Letztes Spiel für den FCS in diesem wahrlich überraschenden Saisonverlauf 2009/2010. Gegen den neuen Krösus der Oberliga und die vermeintliche Hoffnung der Messestadt. Kein Liebling der Fußballidealisten und -traditionalisten, aber gern gesehenes Objekt in Rathaus und lokaler Presse. Rasenball Leipzig lud zum Stelldichein, letztmalig im „Zentralstadion“ bevor die Betonschüssel unter dem Namen „Red Bull Arena“ die vielen sehnsüchtig wartenden Leipziger Bürger beglücken wird. Korrigiere: Eigentlich lud der FC Sachsen Leipzig. Doch angesichts des Insolvenzschraubstocks in Händen des RB-Gönners Kölmel und mit Blick auf die Etatlücke im angebrochenen Jahr entschied sich der FCS-Vorstand gegen Zahlung von ein paar Scheinchen für eine de facto Aufgabe des Heimrechts. Traurige Situation eigentlich, anscheinend aber unausweichlich. Dennoch: Das roch nach Boykott! Der Leutzscher Institution schlechthin. Doch dem wollte man sich nicht beugen. Dafür war Leistung der Vereinsaktiven in dieser Saison einfach zu stark, der Wille, die Mannschaft zu feiern und gegen die Bullen nach vorn zu peitschen, einfach enorm.

Nun durfte man also ganz entspannt beobachten, wie sich der Getränkekonzern aufmachte, nach dem Rathaus, Verbänden und lokalen Medien nun auch die Herzen tausender Leipziger im Sturm zu erobern. Zu diesem Zwecke wurde die gesamte Stadt mit äußerst simplen Plakaten zugeklebt, ein Familienfest für den Spieltag organisiert und zudem noch über 15000 reduzierte oder gar kostenlose Eintrittskarten unter das Volk gemischt. Da ließ sich DZ nicht lumpen und reiste in Bestbesetzung aus allen Teilen Sachsens schon relativ zeitig nach Leipzig. Erdrückt vom Trubel auf der Festwiese und den vielen hübschen Damen, die allerlei sinnloses Werbezeug unter die Leute brachten, verdrückte man sich erst einmal ins letzte gallische Dorf im Land der roten Bullen, der „64“ am Glockenturm. Ein kühles Blondes gegen Österreichs Gummibärensaft. Hätte eigentlich schon 1:0 stehen müssen. Ein kurzer Blick auf die Festwiese; Torwandschießen, Hüpfburgen (leider die Stollenschuhe vergessen), Trampolin. Das volle Programm, einen kurzen Abstecher wert. Doch dann rein in den Sektor B.

Ging diesmal ungewöhnlich schnell durch den Einlass. Unzweifelhaft hatte RB dies instruiert, um allen Chemikern so schnell wie möglich mal zu zeigen, wie voll ein Stadion werden kann wenn denn nur der Erfolg stimmt. Aber was war das? Von den gut 15000 Subventionskarten verirrten sich nur ca. 10000 mit dem dazugehörigen Besitzer ins Stadion. Die bezahlten Karten mal ganz außer Acht gelassen. Schien also doch nicht so ein rasenballiges Fest zu werden. Jedoch muss sich Chemie auch an die eigene Nase fassen. Der Fanblock gut gefüllt, aber dennoch mit genügend freien Plätzen. 3000 Mann vielleicht, ob der Umstände für dieses Spiel geht das gerade noch so durch.

Anpfiff im weiten Rund. Die Leutzscher Kicker laufen mit 111-Jahre-Trikots auf, von denen zu Gunsten des nächsten Etats noch viele den Besitzer wechseln werden. Ca. 1000-1200 Rasenballer im Fanblock des Auswärtsteams. Davon zeigen ca. 100 rote und weiße Papptafeln; sicher angeführt vom Megaphonmann mit „Capo“-Aufdruck auf dem Rücken. Leute gibt`s. Jedenfalls eine Riesenidee für die nächsten KD-Shirts. Die Choreo seitens Grün-Weiß sollte durch RB-Auflagen eigentlich nicht ins Stadion gelangen, wand sich jedoch geschickt durch die dunklen Katakomben der Betonschüssel und so gelangte während des Spiels doch noch ein Sarg für das Zentralstadion in den Fansektor, dessen grün-weiße Treppen man natürlich schon gekonnt überpinselte.

Und dann war ja noch das Spiel. Ledwoch wird in der 8.Minute von Ingo Hertzsch von den Beinen geholt. 20 Meter vor dem Tor. Wenn man bedenkt, wie „treffsicher“ Chemie bei 11 Metern in dieser Saison war, eigentlich nicht mal ein Grund zum Aufstehen. Doch was der junge Schößler da für einen Zirkelball rausholte, war schon die verschenkten Karten wert. Schön rechts und mit ein wenig Drall an der Mauer vorbeigezogen. Für den rasenballigen Keeper gab´s höchstens Punkte in der B-Note, aber nichts zum Halten. Block B nun schon ordentlich am Wackeln, aber man kannte ja das Gefühl, gegen RB früh in Führung zu gehen um dann doch noch um die Punkte gebracht zu werden. Zu tief saßen noch die Erfahrungen der bisherigen ZS-Spiele, nie gab es die Big Points. Das wusste sicher auch die Bullenmannschaft, die fortan sicher und stürmisch auf das Tor vor Block B anrannte, um Lippmann und die Leutzscher Hintermannschaft ein ums andere Mal auf die Probe zu stellen. Rein akustisch gesehen hätte es auch schon 5 oder 6 zu 0 für Chemie stehen können, so euphorisch die grün-weißen Reaktionen auf abgewehrte 110%ige Bullen-Chancen. Das machte richtig Spaß. So konnte RB nur eine von vielen Chancen nutzen und ging zusammen mit den Leutzschern mit einem 1:1 Unentschieden in die Kabine. Mit der grün-weißen Brille aufgesetzt hat Chemie Rasenball die Grenzen bei ihren Angriffsbemühungen aufgezeigt. Ohne zweifarbige Gläser hätte man sich über einen 1:3 – Rückstand aber auch nicht beschweren können. In der Halbzeit ziemliche Schmalkostunterhaltung, nicht der Rede wert.

In der zweiten Halbzeit setzen die Bullen unerwarteterweise ihren Sturmlauf nicht fort, sondern zeigten zum Abschied noch einmal wunderbaren Oberligafußball. Viele Fehlpässe, der den Leutzschern wohl zeigen sollte: Hier geht was! Und es ging wirklich was. Nicht nur auf den Rängen, wo die Bullenfans auf Chemie-Plakate im coolen Lokstyle à la „Wie einfallsreich…“ antworteten. Nein, auch auf dem Platz setzte Chemie das ein oder andere Mal kleine Nadelstiche. Zumeist noch ohne die Präzision eines Schößler-Freistoßes, aber das sollte sich ändern. Denn in der 89. Minute geschah das Unglaubliche. Da war der Delitzscher Freundeskreis bereits damit gescheitert, dem Block B ein „Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf“-Gesang aufzudrücken und fand sich trotz des auflebenden Leutzscher Kampfgeistes mit einem Punkt ab. Aber dann kam dieser Neigenfink mit seinen 19 Jahren und schnappte sich auf der linken Außenbahn rotzfrech das Leder vom RB-Defender. Schnurstracks zog der Junge in die Mitte, umtanzte noch drei Slalomstangen, denen ein rot-weißes Trikot überzogen wurde, und kickte die Kuller volley in das rechte Eck. Genau vor`m Chemieblock. Ein Gefühl, dass es vielleicht das letzte Mal beim 1:1-Ausgleich bei Chemie`s Zweiter gegen Lok in der Landesliga vor drei Jahren gab. Der Fanblock die letzten Minuten wie elektrisiert, entlud seine ganze Spannung in diesem einen Augenblick. Nicht nur die Sonnenbrille des Schreiberlings, auch andere Gegenstände und Flüssigkeiten landeten im Innenraum. Die Sitzschalen wurden mehrfach auf Festigkeit geprüft und für einigermaßen ordentlich befunden. Man kann leider dieses Gefühl und diese Freude schlecht in Worte fassen. Doch – auch wenn nur 3000 Mann im Block waren – geschrien haben sie für 6000. Das war Chemie pur, eine Einigkeit, ausgelöst von einem Fast-Noch-Jugendlichen, der mehrere richtige Entscheidungen hintereinander fasste und die „Nülle“ einfach mal reinkickte. Der Schlusspfiff ließ nicht mehr lange auf sich warten und man feierte die Mannschaft ausgiebig, die sich ihrerseits mit einem Plakat „Danke an die besten Fans der Welt“ bedankte. Ein Riesending, was die Sachsen-Kicker und -Fans den vielen Sitzplatz-Fanatics im Zentralstadion für eine Show boten.

Raus auf die Festwiese und Hüpfburg des Familienfestes stürmen? Mitnichten, denn der ganze Firlefanz war schon beendet, kaum noch Spuren des bunten Treibens vor dem Spiel. Alles geht so rasend schnell in der RB-Maschinerie. Kein Mucks nach außen, kein Knarzen der Räder. Und wenn dann doch mal ein Teil leise Geräusche macht, wird es einfach ausgetauscht. Das weiß seit diesen Tagen auch der nun ehemalige RB-Cheftrainer Tino Vogel. Dieses Konzept wird Erfolg haben, ohne Zweifel. Fußball wird in diesem geschlossenen Verein produziert, nicht gespielt. Doch das sollte nicht unser Leitbild eines Vereins sein. In Leutzsch läuft nicht alles rund und effizient, dafür fehlen die Mittel und mit ihnen die Professionalität. Doch – und das hat der MDR richtig erkannt – der Verein lebt, er lebt von und mit seinen fehleranfälligen Menschen, mit all ihren dummen Querelen, die zu oft nur von Emotionen und nicht von Sachlichkeit geprägt sind, die aber Sympathien wecken. Lieber stelle ich mich zu anderen Fans und einer Mannschaft, die schon viele, viele Niederlagen einstecken musste(n) als diesem seelenlosen Unternehmensauswuchs zuzujubeln. Das klingt abgedroschen, manche mögen es als Verlust des Realitätssinnes brandmarken. Doch wie sonst soll Leutzsch im neuen Leipziger Kräfteverhältnis überleben, wenn nicht durch puren Idealismus (ohne natürlich komplett den Verstand abzulegen)? Die Spieler haben vorgemacht, wie man sich behauptet, sich zusammenrauft. Für die neue Saison und die Zeit nach der Insolvenz sollten sich die Fans untereinander noch einmal fragen, wie sie endlich wieder das bringen können, was die Spieler an solchen Tagen wie dem 29.05.2010 vorgelebt haben. Zusammenhalt und einfach nur geiler, cooler, besser als der Rest von Leipzig.